Nachlese: Dürfen wir Tiere töten (lassen)?

Tierethik-Akademie der IAT:
Vortrag am 08.07.2015 – Tatjana Višak (Universität Mannheim)

Nachdem es nach den heißen Tagen der Saharahitze etwas abgekühlt war, kamen am Mittwochabend, den 08.07.2015 um 19.30 Uhr ca. 20 Leute im Kant-Saal des Philosophischen Seminars der Uni Heidelberg zusammen, um sich bei nicht mehr unerträglichen Temperaturen mit Tierethik zu befassen. Die Frage des Abends lautete: „Dürfen wir Tiere töten?“ Hierzu hielt Dr. Tatjana Višak (Universität Mannheim) einen sehr interessanten Vortrag, der den Auftakt zur Tierethik-Akademie bildete. Dies ist die diesjährige Veranstaltungsreihe der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT). In diesem Rahmen werden Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen einmal im Monat zu unterschiedlichen Aspekten unseres Umgangs mit Tieren sprechen. Nun aber genug der einleitenden Worte!

Im Vortrag ging es zunächst um die harten Fakten, die zeigen, dass wir es tun. Wir lassen nämlich töten und zwar werden weltweit pro Jahr mehr als 65 Milliarden Landtiere getötet. Aber nicht nur für Fleisch, sondern auch für Eier und Milch(produkte) werden Tiere getötet. Wir töten für unsere Nahrung – aber rechtfertigt dies das Töten? Diese Frage stellt sich besonders angesichts der Tatsache, dass es heute genug Alternativen zum Verzehr von Fleisch gibt, d.h. wir töten nicht, um zu überleben, sondern einzig für den Genuss. Wir Töten Tiere aber auch indirekt, indem wir Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen, Lebensräume zerstören und die Umwelt verschmutzen.

Aber wirkt sich die Entscheidung des Einzelnen gegen den Fleischkonsum überhaupt darauf aus, wie viele Tiere durch die Fleischindustrie getötet werden? Nicht selten sehen sich Vegetarier und Veganer mit dem Vorwurf konfrontiert, die Entscheidung des Einzelnen bewirke doch nichts. Es stimmt, dass die Industrie nicht so sensibel auf eine verminderte Nachfrage reagiert, wie man sich das wünschen würde, d.h. dass sich die einzelne Entscheidung nicht sofort auswirkt. Aber wir müssen hier von Schwellenwertfällen sprechen, denn ab einem gewissen Schwellenwert verzichten genug Menschen auf Tierprodukte, so dass die Industrie reagiert, auch wenn wir nicht genau wissen wo dieser Schwellenwert liegt. Dann könnte es ja gerade meine Handlungsentscheidung sein, die den Unterschied macht oder ich animiere durch meine Handlung andere Menschen dazu, auch diese Entscheidung zu treffen, so dass es vielleicht deren Handlung ist, die den Unterschied macht (Erwartungsnutzenanalyse).

Nach diesen einleitenden Überlegungen wurde anschließend die Ausgangsfrage dahingehend befragt, ob es moralisch akzeptabel sei, Tiere zu töten. Man könnte hier auch fragen, ob die Mehrheit einer Gesellschaft es moralisch für akzeptabel hält, Tiere zu töten. Dies wäre z.B. das Aufgabenfeld eines Soziologen und müsste wohl leider mit Ja beantwortet werden (zumindest toleriert sie es). Im Weiteren aber geht es nicht um die Frage, wie die Welt faktisch ist, sondern darum, wie sie in normativer Hinsicht sein sollte:

Schlachtung in einem Schlachthof in Baden-Württemberg. PETA Deutschland e.V.

Schlachtung in einem Schlachthof in Baden-Württemberg. PETA Deutschland e.V.

Du sollst keine Tiere töten!
Ist diese Aufforderung, dieses Verbot nur die persönliche Sicht des Sprechers, nur ein Vorschlag? Oder ist es eine objektive Wahrheit, die für alle gilt? Dementsprechend war der Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen die Frage: Wie soll ich handeln? Hier geht es um die Gründe, die Handeln rechtfertigen. Der Grund entspricht der Eigenschaft einer Handlung, die für den Handelnden dafür spricht sie zu tun oder eben nicht zu tun.

In diesem Zusammenhang wurde die moralphilosophische Position des Welfarismus angesprochen, der mit dem Prinzip des Eigeninteresses operiert. Dabei soll als Grund für eine Handlung aber nicht nur das eigene Wohlergehen, sondern auch das Wohlergehen für andere in Anschlag gebracht werden. Schließlich haben alle Gründe letztlich etwas mit Wohlergehen zu tun. Ein „Tisch“ braucht beispielsweise moralisch nicht berücksichtigt werden, da er kein Wohlergehen empfindet. Empfindungsfähigen Tieren aber kann es besser oder schlechter gehen und deshalb sind sie moralisch zu berücksichtigen. Die Massentierhaltung schadet dem Wohlergehen der Tiere, dies ist Grund dafür, es nicht zu tun. Dabei ist das Wohl der Tiere in gleichem Maße zu berücksichtigen wie das der Menschen. Aber auch wenn das Wohl der Menschen stärker berücksichtigt würde, so wäre doch die Präferenz für den Konsum von Milch kein Grund, der die Massentierhaltung rechtfertigen könnte. Das Töten beeinträchtigt das Wohlergehen der Tiere (fügt z.B. Schmerz zu), dies ist Grund dafür, es nicht zu tun.

Daran schloss sich die Fragestellung an, was „schaden“ und „wohltun“ ist?
Nach der Definition von „schaden“ (H schadet x, wenn H zur Folge hat, dass das Leben von x weniger Wohlergehen hat, als es ansonsten gehabt hätte) wurde weiter gefragt, was Wohlergehen ist. Diese Frage wird z.T. sehr unterschiedlich beantwortet, die in diesem Zusammenhang zu nennenden Theorien, die den Begriff „Wohlergehen“ inhaltlich zu füllen versuchen, sind: Hedonismus, Wunscherfüllungstheorie, Listen-Theorie, Nature-fulfillment, Selbstverwirklichung der eigenen Individualität.

Um nun zu ergründen, ob wir Tiere töten dürfen, kann man sich in diesem Zusammenhang fragen, ob der Tod an sich überhaupt schlecht für ein Individuum ist. Versucht man diese Frage mit der Vergleichsthese zu beantworten, so verrechnet man das Wohlergehen mit der Lebenszeit. Die Wohlergehensbilanz ist schließlich ausschlaggebend dafür, ob der Tod als schlecht für ein Individuum angesehen werden kann. Mit der Vergleichsthese kann man den Tod für ein Tier als Schaden beurteilen, wenn die Handlung des Tötens bedeutet, dass das Tierleben dadurch in der Summe weniger Wohlergehen aufweist, als ohne diese Handlung. Hingegen kann die Einschläferung eines kranken Tieres durch die Vergleichsthese gerechtfertigt werden, wenn ein Weiterleben nur bedeutet hätte, dass die Wohlergehenskurve im negativen Bereich verlaufen wäre, hierdurch wäre die Summe an Wohlergehen beeinträchtigt worden. Die Vergleichsthese blieb nicht unwidersprochen. So vertreten einige z.B. die Meinung, dass der Tod keinen Wunsch eines Tieres frustrieren könne und dem Tier daher nicht schade, da dieses kein Konzept von Zukunft habe. Hier ist es wohl entscheidend, ob man nur die momentanen Wünsche berücksichtigt oder auch die, die ein Tier noch haben könnte, wenn es nicht getötet würde.

Aber selbst wenn der Tod dem Tier nicht schadet, so könnte man einwenden, dass er doch dafür sorge, dass die abstrakte Menge des Wohlergehens auf der Welt abnimmt, wenn man es tötet. Doch dann ließe sich die Gesamtmenge des Wohlergehens auf der Welt durch das Ersetzen des Tieres konstant halten. Diese Argumentation ist z.B. bei Peter Singer zu finden und wurde heftig kritisiert. Er ist wohl der Ansicht, dass das Töten kein Problem wäre, wenn das Tier schmerzlos getötet und durch ein anderes ersetzt würde.

Folgende Thesen bildeten den Abschluss des Vortrages:

Prinzipiell spricht die Eigenschaft meiner Handlung, dass ich damit anderen wohltue, für mich für diese Handlung. Ist die Eigenschaft meiner Handlung aber so beschaffen, dass sie anderen schadet, spricht dies für mich gegen die Handlung.

Es ist unklar, ob der Tod dem Tier schadet.

Selbst wenn der Tod dem Tier nicht schadet, spricht das Leid, dass Tieren angetan wird, gegen viele Formen des Tiergebrauchs.

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